Brustkrebsvorsorge

KNAPPSCHAFT bezahlt als erste deutsche gesetzliche Krankenkasse Gentest bei Brustkrebs

Der Test gibt Auskunft über das individuelle Rückfallrisiko bei Brustkrebs und erlaubt vor allem auch eine Einschätzung, ob eine zusätzliche Chemotherapie gewinnbringend ist. Für Frauen mit Brustkrebs ist es besonders schwierig, gerade in dieser extremen Situation eine Entscheidung für oder gegen eine Chemotherapie zu treffen. Wie der Gentest funktioniert und welche Aussagen er treffen kann, erläutert Dr. med. Sherko Kümmel, Direktor des Brust- und Krebszentrums der Kliniken Essen-Mitte.


Dr. med. Sherko Kümmel, Direktor des
Brust- und Krebszentrums der Kliniken Essen-Mitte.


Welche Aussagen kann der Test liefern?
Der Test kann eine Prognose abgeben, wie das Rückfallrisiko für die Patientinnen nach einer Mamakarzinomerkrankung sein kann. Dabei werden bei der molekulargenetischen Untersuchung 21 Gene untersucht. Ergibt der Test beispielsweise ein niedriges Rückfallrisiko, dann weiß man, dass die Patientin eine hohe Chance hat, dass die Erkrankung nicht wiederkehrt. Man weiß auch heute, dass die Patientin keinen Gewinn durch eine Chemotherapie hat. Trotz Test bleibt die Entscheidung für oder gegen eine Chemotherapie letztendlich aber immer bei der Patientin.

Hilft der Test bei der Entscheidung für oder gegen eine Chemotherapie?
Der Test hilft sowohl den Frauen als auch den Therapeuten sehr bei der Entscheidung für oder gegen eine Chemotherapie nach einer Brustkrebsdiagnose.

Bedeutet das im Umkehrschluss, dass zu viele Chemotherapien durchgeführt werden?
Rückwirkend zu entscheiden, ob etwas nötig oder unnötig ist, ist nicht Ziel des  Tests. Wir sehen aber, dass wir Frauen viel gezielter beraten können, ob sie wirklich eine Chemotherapie brauchen. Das wichtigste an dem Test ist aber, dass wir sehr vielen Frauen mit diesem Test die Chemotherapie sicher ersparen können.

Was bleibt den Frauen erspart, wenn sie keine Chemotherapie bekommen?
Eine ganze Menge. Man unterscheidet zwischen kurzzeitigen Nebenwirkungen, wie Haarverlust, Übelkeit, Fieber und Erschöpfung. Darüber hinaus gibt es neben der beruflichen und privaten Ausfallsituation auch Langzeitschäden durch eine Chemotherapie. In einem geringen Prozentsatz kann es beispielsweise zu einer Herzmuskelschwäche oder einer Leukämieerkrankung kommen. Wie man sieht ist es eine große Bandbreite an Nebenwirkungen, die man den Patientinnen ersparen kann.

Wie groß ist die Gruppe der Menschen, denen man eine Chemotherapie ersparen kann?
Am Ende betrifft es geschätzt jede zweite bis dritte Patientin.

Kann der Test das Arztgespräch ersetzen?
Nein. Das begleitende und beratende Arztgespräch kann dadurch keinesfalls ersetzt werden. Der Test kann nur unterstützen.

Warum ist die Therapieentscheidung für Frauen nach einer Brustkrebserkrankung so schwer?
Erfreulicherweise kann man mittlerweile sagen, dass die Prognose nach einer Brustkrebserkrankung für viele sehr gut ist. Die Patientinnen stehen nach einer Erkrankung jedoch vor der Frage, wieviel kann ich noch durch eine Chemotherapie erreichen. Umso besser ist es, wenn der Test klar signalisiert, dass nahezu keine Verbesserung erreicht werden kann und die Patientin sich damit sicher gegen eine Chemotherapie entscheiden kann.

Wie wichtig ist der Test aus ärztlicher Sicht?
Es wurden Studien durchgeführt, die untersucht haben, wie durch den Test die ärztliche Therapieempfehlung beeinflusst wird.
Die Ärzte, die an den Studien teilgenommen haben, berichteten, dass der Test ihnen ein zusätzliches Instrument an die Hand gibt, um die Patienten sicher und gezielter beraten zu können.

Wie bewerten Sie das Engagement der KNAPPSCHAFT aus der Sicht eines Chefarztes, der täglich mit Frauen über ihren Brustkrebs spricht?
Aus fachlicher Sicht ist es erfreulich, dass die KNAPPSCHAFT hier eine Vorreiterrolle einnimmt und damit den Patientinnen den medizinischen Fortschritt  zur Verfügung stellt – der ja eindeutig da ist, wenn man sich die Studie anschaut.

Warum wird der Test nicht von allen Kassen übernommen?
Das ist schwer zu beurteilen. Es braucht – wie bei vielen Dingen, die in der Entwicklung sind - Zeit und Überzeugung. Am Ende wird es sicherlich dazu kommen, dass viele Kassen den Test übernehmen.

Wie wird der Test durchgeführt?
Die Testung ist sehr einfach. Man muss natürlich zunächst einmal die Patientin aufklären, was man mit dem Test erreichen kann und was das Ergebnis für die Patientin für eine Bedeutung hat.
Es kann das gewonnene Gewebematerial aus den sogenannten Stanzbiopsien oder direkt das OP-Material verwendet werden, welches dann molekulargenetisch untersucht wird. Es muss nicht eine erneute Biopsie gemacht werden.

 

Fotos: Privat, Thinkstock

 

Das aktuelle Magazin